Mobbing und ADHS

Was Mobbing und ADHS über Jahrzehnte macht

Die Geschichte von Nicole, 47, alleinerziehend – und was Wissenschaft über den langen Schatten von Mobbing bei ADHS sagt.


Nicole sitzt am Küchentisch, die Kinder sind endlich im Bett, und zum ersten Mal seit Tagen ist es still genug, um nachzudenken. Sie ist 47, alleinerziehende Mutter zweier Kinder, hat ihren x-ten Arbeitgeber und seit drei Jahren weiss sie: sie hat ADHS. Diagnostiziert wurde es nicht, weil sie selbst danach gesucht hätte, sondern weil ihre Tochter in der Abklärung war – und die Kinderpsychiaterin am Ende beiläufig fragte, ob sie sich in den Beschreibungen nicht auch irgendwie wiedererkenne.

Sie tat es.

Was folgte, war kein Aha-Moment der Erleichterung, sondern etwas Schwereres: der Blick zurück auf ein ganzes Leben, in dem sie an immer neuen Orten zur Zielscheibe wurde – in der Schule, unter Jugendlichen, im Job. Und die Erkenntnis, dass all das kein Zufall war.

Kindheit: niemand las die Alarmsignale

Nicole war als Kind kein „Zappelphilipp“. Sie sass still im Klassenzimmer, oft mit dem Blick aus dem Fenster, verlor ständig Hefte und Sportsachen, brauchte für Hausaufgaben doppelt so lange wie ihre Schwester. Niemand dachte an ADHS.
Das Bild, das Lehrpersonen und Ärzt:innen jahrzehntelang von der Störung hatten, war der laute, impulsive Junge, der nicht stillsitzen kann – nicht das verträumte Mädchen, das lernt, sich möglichst unsichtbar zu machen. Diese geschlechtsspezifische Schieflage in der Diagnostik ist heute gut belegt: Mädchen zeigen ADHS häufiger nach innen gerichtet, durch Tagträumerei, ein unaufhörliches Gedankenkarussell und organisatorisches Chaos, statt durch sichtbare Hyperaktivität – und werden dadurch systematisch später oder gar nie erkannt.

Erkannt wurde bei Nicole nur, dass sie „anders“ war. Und Kinder, die aus dem Rahmen fallen, werden zur Zielscheibe – das zeigen grosse Erhebungen sehr deutlich: Fast die Hälfte der Kinder mit ADHS erlebt Mobbing, mehr als doppelt so viele wie bei gleichaltrigen Kindern ohne ADHS. In Nicoles Erinnerung heisst das: nicht eingeladen werden, ausgelacht werden, blossgestellt werden, wenn sie beim Vorlesen den Faden verliert, als „komisch“ gelten, und so weiter, und so weiter. Niemand nannte es damals Mobbing. Es hiess einfach: Nicole ist halt so.

Jugend: Wenn Ausgrenzung nicht kleiner wird

In der Oberstufe wurde aus offenem Spott etwas Subtileres. Gerüchte, die in der Klasse kursierten, versteckt, ohne dass Nicole je erfuhr, wer sie gestreut hatte. Auf Gruppenausflüge kleine Hänseleien, von denen sie nie die Wahrheiten erfuhr. Ein Freundeskreis, aus dem sie langsam, fast unmerklich, herausgeglitten ist. Genau dieses Muster relationaler Ausgrenzung – Gerüchte, Ausschluss, stilles Blossstellen statt offener Konfrontation – zeigt sich in Studien bei Mädchen deutlich häufiger als bei Jungen. Für die Betroffenen ist diese Form äusserst schmerzhaft – nur schwerer zu belegen und für Aussenstehende schwerer zu erkennen.

Was in dieser Zeit in Nicole vorging, lässt sich mit dem beschreiben, was die ADHS-Forschung heute als Rejection Sensitive Dysphoria kennt: eine überschiessende, oft überwältigende emotionale Reaktion auf tatsächliche oder auch nur vermutete Zurückweisung. Ein Blick, ein Satz, ein Ausschluss – und in ihr brach etwas zusammen, das sie niemandem zeigen konnte, weil sie längst gelernt hatte, genau das zu verbergen. Diese Strategie hat einen Namen: Masking. Gerade Mädchen entwickeln früh eine Art vorwegnehmende Gefühlsunterdrückung, weil das eigene emotionale Erleben in ihrem Umfeld nicht aufgefangen wird. Viele werden so, wie Fachleute es beschreiben, zu wahren Meisterinnen der Selbstkontrolle: perfektionistisch, überangepasst, ständig bemüht, keine Angriffsfläche zu bieten. Nach aussen ruhig. Nach innen ein Dauerzustand von Alarmbereitschaft.

Diese Jahre hinterliessen bei Nicole etwas, das sie erst viel später benennen konnte: die tief sitzende Überzeugung, grundsätzlich zu viel und gleichzeitig nie genug zu sein.

Berufsleben: Grossraumbüros

Der Mechanismus, der Nicole in der Schule zur Zielscheibe machte, verschwand mit dem Schulabschluss nicht – er zog mit ihr um. Erst die kaufmännische Lehre, die sie abbrach, weil ihr Chef ihre Vergesslichkeit als Desinteresse auslegte. Dann eine Stelle im Kundendienst, in der Kolleginnen begannen, sie bei Teamevents systematisch zu übergehen, weil sie „unzuverlässig“ sei. Später ein Job in der Verwaltung, in dem eine Vorgesetzte ihr wichtige Informationen bewusst vorenthielt und sie in Meetings öffentlich blossstellte – ein Muster, das im Arbeitsrecht heute unter dem Begriff Bossing gefasst wird.

Auch das ist kein Einzelschicksal. Fachliteratur zu ADHS im Berufsleben beschreibt genau diesen Kreislauf: Häufige Kündigungen, dicht aufeinanderfolgende Jobwechsel, abgebrochene Ausbildungen – nicht, weil es Betroffenen an Fähigkeiten fehlt, sondern weil Kolleg:innen und Vorgesetzte, die von der zugrunde liegenden ADHS nichts wissen, Vergesslichkeit oder Verspätung als Unfähigkeit oder böser Wille deuten. Und weil unbehandeltes ADHS bei Frauen besonders häufig erst als Erschöpfung, Überforderung oder Depression sichtbar wird, statt als das, was es ist – suchen viele Frauen jahrelang beim falschen Symptom Hilfe. Frauen erhalten ihre ADHS-Diagnose um Jahre später als Männer, nicht selten erst, nachdem bereits eine Depression oder Angststörung behandelt wurde. Bei Nicole war es fast identisch: Antidepressiva mit Mitte zwanzig, eine Erschöpfungsdiagnose mit Anfang vierzig – und erst Mitte vierzig die Erklärung, die alles davor in ein anderes Licht rückte.

Fachliteratur beschreibt diesen Zusammenhang ausdrücklich als Teufelskreis: Mobbing und ADHS-Symptome verstärken sich gegenseitig, oft und können zu raschen Zuspitzungen führen – emotionaler Zusammenbruch, chronische Depression und erneut zu Verlust des Arbeitsplatzes. Psychosozialer Stress durch Mobbing gilt dabei nicht bloss als Begleiterscheinung, sondern als eigenständiger Treiber, der bestehende ADHS-Symptome messbar verschärft. Beinahe die Hälfte der erwachsenen ADHS-Betroffenen entwickeln im Lauf ihres Lebens Folgeerkrankungen wie z.B. eine Depression oder Angststörung.

Was am Ende bleibt

Nicole ist heute 47. Sie hat einen Job, den sie einigermassen gut aushält, zwei liebe Kinder, die sie allein grosszieht, und eine Diagnose, die vieles erklärt, aber nichts rückgängig macht. Was sie an manchen Abenden am meisten beschäftigt, ist nicht die einzelne Erinnerung an eine Mobbing-Situation – es sind die unzähligen Schichten, die sich über Jahrzehnte übereinandergelegt haben: das Misstrauen, ob eine freundliche Nachricht wirklich freundlich gemeint ist. Die Anspannung vor jedem Elterngespräch in der Schule ihrer Kinder. Die Erschöpfung, ständig antizipieren zu müssen, wie andere sie wahrnehmen könnten.

Ihre Geschichte ist auffällig unspektakulär – und genau das macht sie repräsentativ. Es gibt kaum dramatische Vorfälle, den man als Ursache benennen könnte, sondern eine Aneinanderreihung kleinerer und mittelstarken Ausgrenzungen, die sich über Kindheit, Jugend und Berufsleben zieht und sich mit einer neurobiologisch erklärbaren, erhöhten Verletzlichkeit gegenüber genau dieser Art von Ablehnung verbindet. Studien zu Kindern mit ADHS, Autismus und anderen neurologischen Entwicklungsbesonderheiten, die in Mobbing verwickelt sind, zeigen über alle erfassten Bereiche hinweg schlechtere Werte bei psychischer Belastung, Funktionsniveau und sogar bei suizidalen Gedanken – ein Befund, der nicht an der Schultür endet, sondern sich, wie Nicoles Leben zeigt, bruchlos quer durch das Erwachsenenalter fortsetzt.

Das ist die traurige Wahrheit dieser Geschichte:
ADHS verursacht nicht nur in der Kindheit gehäuft Mobbing. Es ist ein Muster, das sich bei vielen durch das ganzes Leben ziehen kann – und nur selten durch wechselnde Schulklassen, wechselnde Freundeskreise, Wohnorte und wechselnde Arbeitgeber lösen lässt. Nicoles Geschichte ist nicht die Ausnahme. Sie ist, den Zahlen nach, bald die Regel.

Eine Bitte an die Alle:
Wir müssen aufhören wegzuschauen – ein Kind, das niemand auffängt, trägt ein solches Erlebnis womöglich sein ganzes Leben lang mit sich, wie Nicole es tat. Wir müssen lernen hinzuschauen, aktiv handeln und Leid verhindern.

Lasst eure Smartphone wieder einmal zu Hause und schaut, wie es auf der realen Welt zu und her geht. Schaut hin, wo andere wegsehen: Jedes Mal, wenn wir es tun, ersparen wir nicht einem Kind, Jugendlichen oder Erwachsenen einen belastender Moment, der sich auf das ganze Leben auswirken kann.

«Nicole» erlaubte mir, ihre Vergangenheit zu veröffentlichen, sofern alle persönlichen Angaben (auch Namen) verändert sind und der Bezug zur Zivilcourage hergestellt wird.
Ein riiiiiesiges, herzlichen Dankeschön für deine Offenheit

KI wurde benutzt, jedoch ausschliesslich zur Korrektur der Grammatik.

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