ADHS und Planung für Führungskräfte
Eine Führungskraft kann fachlich stark und voller Ideen sein – und trotzdem jeden Abend das Gefühl haben, nie fertig zu werden. Bei ADHS liegt das häufig nicht an mangelndem Willen, sondern an beeinträchtigten Exekutivfunktionen. Sie steuern Priorisierung, Zeitgefühl, Arbeitsgedächtnis, Selbstaktivierung, Aufgabenwechsel und weitere komplexere Aufgaben.
Interessante Führungsaufgaben ziehen die Aufmerksamkeit sofort auf sich, während wichtige, aber wenig stimulierende Arbeiten gerne «auf später» verschoben werden. Der effektiv nötige Zeitaufwand wird oft unterschätzt: Termine werden zu eng gesetzt und die Zeit für Organisatorisches durch spontane und unüberlegte Aufgaben ersetzt. Aus kleinen Planungslücken entsteht ein Rattenschwanz: Der Kalender ist oft übervoll, strategische Arbeit werden wieder und wieder verschoben und vieles wird «auf den letzten Drücker» erledigt.
Eine 2024 veröffentlichte Studie mit Erwachsenen mit ADHS untersuchte die Exekutivfunktionen: Schwierigkeiten bei Zeitmanagement, Organisation und Motivation standen mit Einkommen, Verwarnungen und Arbeitszufriedenheit in Verbindung. Sie beweist keine zwangsläufige Karrierebremse, zeigt aber messbare Folgen.
Langfristig entsteht ein riskantes Muster: Wer terminierte Aufgaben nur mit Überstunden einhalten kann, wirkt zunächst leistungsfähig – dann jedoch überfordert, desorganisiert und wird womöglich hinter vorgehaltener Hand als «faul/unfähig» bezeichnet. Eine schwedische Langzeitstudie fand ebenfalls ein erhöhtes Risiken für Langzeitarbeitslosigkeit und längere Krankheitsabsenzen.
Auch der Lohn kann leiden – nicht direkt durch die Diagnose, sondern durch verpasste Entwicklungsschritte, schwächere Beurteilungen oder Positionen unterhalb der Qualifikation. Eine US-Längsschnittanalyse mit 7.905 Personen verband eine höhere genetische ADHS-Disposition mit niedrigeren Jahreseinkommen.
Die Wirtschaft braucht «neurodivergente» Führungskräfte
Denn wer selbst betroffen ist, ist eher bereit über neurodivergente Arbeitsplätze nachzudenken.
Entscheidend ist, dass die Arbeit für ca. 15% der Arbeitenden anders zu organisieren ist: Das Ziel ist nicht, die störenden Symptome zu eliminieren, sondern ein wirtschaftlich gewinnbringendes Arbeitsfeld für Betroffene zu schaffen – von der Front bis zur strategischen Führungsebene.
Es ist ein guter Zeitpunkt, jetzt darüber nachzudenken. Denn egal wie sich die Welt entwickelt, Unternehmen werden sich früher oder später mit neurodivergenten Arbeitsplätzen auseinandersetzen müssen – ausser die KI schafft die Menschheit ab.
Drei Lösungen, die besonders sinnvoll bei Führungskräften sind
1. Eigene Schwächen untersuchen
Nicht „Ich bin unorganisiert“, sondern konkrete Analysen der Arbeitsschritte. Im Coaching nenne ich es Nanomanagement: wir betrachten einen Arbeitsablauf mit dem Mikroskop und wechseln hemmende mit vorteilhaften Elementen aus. In der Arbeit werden sie trainiert, überprüft und schliesslich auf andere Arbeitsabläufe übertragen.
2. Schwierigkeiten ansprechen
Schwächen zu verheimlichen, führt langfristig selten zum Erfolg. In einem guten Arbeitsklima kann so etwas auch eine Führungsperson ansprechen. Oft wird eine externe, vertrauenswürdige Fachperson bevorzugt. Über Schwierigkeiten, Ängste und Scham zu sprechen wird als sehr entlastend empfunden (gilt auch für Männer).
3. Neue Instrumente wie KI nutzen
KI kann Besprechungen strukturieren, Aufgaben aus Protokollen ableiten, Texte zusammenfassen, Zeitpläne entwerfen und Vorhaben in kleine Schritte zerlegen. Das entlastet der Denkprozess. Die Forschung zu KI ist noch jung. Allgemeine Arbeitsplatzstudien zeigen bei Schreib- und Zusammenfassungsaufgaben jedoch deutliche Zeitgewinne. KI richtig angewendet, kann Strukturarbeit übernehmen, die bei ADHS unverhältnismässig viel Energie kostet.
Eine gute, auf ADHS angepasste Planung bedeutet, ein unterstützendes System zu haben, das auch in schwierigen Führungsaufgaben hilft. Karriere, Einkommen und Gesundheit können sich dadurch langfristig positiv entwickeln, davon profitieren die Unternehmen, die Betroffenen als auch unser Sozialsystem und die Schweizer Wirtschaft.
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