Worauf es bei ADHS Coaching bei Erwachsenen ankommt

Coaching und ADHS

Coaching boomt.
Ob berufliche Neuorientierung, persönliche Weiterentwicklung oder Begleitung bei ADHS und Autismus – für fast jedes Anliegen gibt es heute einen passenden Coach. Das Problem dabei: „Coach“ ist kein geschützter Titel. Theoretisch darf sich in der Schweiz jede Person so nennen, egal welche Ausbildung oder Erfahrung sie mitbringt.
Was für Klient:innen bedeutet: Wer einen Coach sucht, muss selbst beurteilen können, ob die Qualität stimmt. Genau darum soll es in diesem Artikel gehen – ehrlich, undogmatisch und mit einem besonderen Blick auf Coaching bei medizinischen Diagnosen.

Was macht gutes Coaching überhaupt aus?

So unterschiedlich Coaching-Stile auch sind, ein paar Dinge tauchen in nahezu jeder Beschreibung von gutem Coaching auf:

  • Klare Ziele. Ein Coaching ohne definiertes Ziel verläuft im Sand. Ein guter Coach klärt zu Beginn sorgfältig, worum es geht, und überprüft während des Prozesses immer wieder, ob sich diese Ziele verändert haben. Aber auch hier: es gibt erfolgreiche Coachingformen, in denen das klare Ziel sekundär ist.
  • Freiwilligkeit und partnerschaftliche Zusammenarbeit. Coaching sind am erfolgreichsten, wenn beide Seiten wirklich wollen – Zwang oder ein „das machen wir jetzt mal“ bringt niemanden weiter.
  • Vertrauen und ein sicherer Rahmen. Ohne Vertrauensbasis lässt sich kein ehrliches Feedback geben, und ohne ehrliches Feedback ist es schwer, wirkungsvolle Lernprozesse anstossen.
  • Eine fundierte Ausbildung. Interessant ist ein Befund der Universität Salzburg: weniger die Anzahl der Berufsjahre entscheidet über die Qualität eines Coachings, sondern eine fundierte Coaching-Ausbildung. Viele Jahre Erfahrung allein sind also kein Qualitätsgarant – die Ausbildungen und regelmässigen Weiterbildungen, die dahinterstecken, schon eher.

Was auffällt:
Es gibt kaum einheitliche, verbindliche Standards, an denen sich Coaching messen lässt. Es existieren zwar Verbände mit Gütekriterien und Empfehlungen, aber kein einheitliches Regelwerk, das für jede Coaching-Situation gleichermassen gilt. Das liegt schlicht daran, dass Coaching sehr unterschiedlich ablaufen – ein punktuelles Karrieregespräch braucht andere Leitplanken als ein ADHS-Coaching. Die Art der Zusammenarbeit bestimmt, welche Regeln sinnvoll sind, nicht umgekehrt.

Wie finde ich heraus, ob ein Coach gut ist?

Weil es diese einheitlichen Massstäbe nicht gibt, bleibt am Ende oft die persönliche Einschätzung entscheidend. Ein paar Anhaltspunkte helfen aber, diese Einschätzung fundierter zu treffen:

1. Frag nach der Ausbildung – und nach der Weiterbildung.
Eine gute Grundausbildung ist wichtig, reicht aber nicht für immer. Coaching-Ansätze, Forschungsstände und Methoden entwickeln sich weiter, genauso wie das Wissen über psychische Besonderheiten oder neurologische Zusammenhänge.
Ein Coach, der sich regelmässig weiterbildet, bleibt mit seinem Wissen auf dem neusten Stand – und das sollte sich nicht auf einen einzigen Coaching-Stil beschränken. Wer nur einen systemischen Coachingansatz Coaching kennt, hat für viele Situationen keine Alternativen im Werkzeugkasten, obwohl unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Anliegen auch unterschiedliche Werkzeuge brauchen.

2. Achte auf Transparenz.
Ein seriöser Coach legt offen, wo er sein Handwerk gelernt hat, wie er arbeitet, was die Schritte sind, was das Coaching kosten wird und wie der Rahmen aussieht – inklusive der Möglichkeit, jederzeit aus dem Vertrag auszusteigen. Es ist wichtig, dass du deine Fragen stellst und nicht das Gefühl hast: „sowas fragt man doch nicht“.
Ein guter Coach kennt sein Expertenwissen, in welchen Bereichen Wissen vorhanden ist – aber auch die Bereiche, in denen er kaum wissen hat. Als ehemaliger Psychiatriepfleger bin ich noch lange kein Psychiater. Dennoch kenne ich die Krankheitsbilder besser als jemanden, der sich mit Medizin kaum auskennt.
Zur Transparenz gehört aus meiner Sicht auch der Datenschutz: Auskunft wird nur mit Einverständnis weitergegeben.

3. Höre auf dein Bauchgefühl.
Am Ende zählt vor allem eines: Fühlst du dich in dieser Zusammenarbeit wohl und sicher? Ein noch so beeindruckendes Zertifikat nützt wenig, wenn die Chemie nicht stimmt oder du dich nicht öffnen kannst. Ein gutes Erstgespräch, in dem du spürst, dass du ernst genommen wirst und ohne Bewertung sprechen kannst, sagt oft mehr aus als jedes Diplom.

4. Der Coach muss nicht alles selbst erlebt haben.
Ein weit verbreiteter Irrglaube ist, ein guter Coach müsse jede Erfahrung, die er begleitet, selbst gemacht haben – selbst schon eine Trennung, einen Jobverlust oder eine Diagnose durchlebt haben – und darin Profi sein. Das stimmt so nicht. Entscheidend ist nicht die eigene Biografie, sondern ob der Coach das nötige Wissen mitbringt, um Zusammenhänge zu verstehen und richtig zu deuten. Ein Coach, der die Mechanismen hinter einem Thema fundiert kennt, kann oft treffsicherer begleiten als jemand, der zwar Ähnliches erlebt hat, aber sein eigenes Erleben unreflektiert auf andere überträgt.

Der Mythos vom Ratschlagsverbot

Kaum ein Satz hält sich in der Coaching-Szene so hartnäckig wie dieser: „Ratschläge sind im Coaching verboten.“ Tatsächlich prägt dieses Dogma viele Ausbildungen bis heute. Die Idee dahinter: Der Coachee soll seine Lösung selbst finden, damit sie auch wirklich zu ihm passt und er sie umsetzt.

Nur:
Ein Verbot gibt es nicht.
In der Praxis sehen erfahrene Coachs heutzutage das differenzierter: Ein Ratschlag zur richtigen Zeit, mit der richtigen Haltung gegeben, kann hilfreich sein – solange er nicht bevormundet, sondern ein Angebot bleibt, das der Coachee annehmen, darüber in Ruhe nachdenken oder ablehnen kann. Manche Coaches fragen deshalb bewusst nach: „Möchtest du dazu einen Ratschlag von mir?“ So bleibt die Entscheidungshoheit beim Coachee, ohne dass wertvolles Fachwissen künstlich zurückgehalten wird. Kurz gesagt: Wenn ein Ratschlag passt – go on. Entscheidend ist die Haltung, nicht ein starres Verbot.

Gerade bei Neurodivergenten kann ein gezielter Ratschlag Wunder wirken: z.B. bei gefährlichen, undurchdachten Vorhaben.

Warum Coaching bei Krankheiten zusätzliches Wissen braucht

Sobald eine gesundheitliche Diagnose im Raum steht – etwa ADHS, Autismus oder eine andere neurologische oder psychische Besonderheit – reicht klassisches Coaching-Handwerk allein nicht immer aus. Zusätzliches Fachwissen ist hier aus zwei Gründen unverzichtbar:

Erstens, um die Krankheit oder Besonderheit selbst zu verstehen: Wie äussert sie sich, welche Mechanismen liegen ihr zugrunde, wie wirkt sie sich auf den Coachingverlauf aus, wo sind die Grenzen zwischen Krankheits- und Persönlichkeitsmerkmale?

Zweitens, um das Coaching gezielt darauf anzupassen: Standard-Coaching-Methoden, die für neurotypische Menschen entwickelt wurden, greifen bei neurodivergenten Klient:innen oft zu wenig oder können sogar kontraproduktiv wirken.
Dies zeigt sich gelegentlich an folgender Aussage: „Jetzt arbeiten wir schon 3 Jahre zusammen und es gibt keine wesentliche Fortschritte“, oder “ Herr…ist non-compliance“.
Wenn Klienten keine Fortschritte erzielen, könnte es auch mal am Setting oder an der Methode liegen?

Psychoedukation: verstehen, wie sich die Krankheit auswirkt

Genau hier setzt die sogenannte Psychoedukation an.
Damit ist gemeint, dass Betroffene darüber aufgeklärt werden, wie sich ihre Besonderheit der Erkrankung im Alltag auswirkt – als konkretes Verständnis der eigenen (meist negativen) Erfahrungen. Bei ADHS geht es dabei nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch darum, neue Strategien für den Alltag zu entwickeln, anzuwenden, eigene Stärken zu erkennen und die Stärken in den Schwächen herauszuarbeiten.
Viele Betroffene erleben es als grosse Erleichterung, endlich zu verstehen, dass ihr bisheriges „Scheitern“ einen Namen hat und keine persönliche Schwäche (oder wie so oft, nur Faulheit) ist.

Impulsivität bei ADHS und Autismus: mehr als „sich nicht zusammenreissen“

Besonders deutlich wird der Wert von fundiertem Wissen bei der Impulsivität, unter der viele Menschen mit ADHS und im Autismus-Spektrum zusätzlich leiden. Impulsivität ist kein Charakterfehler und keine Frage der Willenskraft, sondern hat eine belegte, neurobiologische Ursache.
Verantwortlich dafür ist unter anderem der präfrontale Kortex, jener Hirnbereich, der für Impulskontrolle, Handlungsplanung und die Bewertung von Konsequenzen zuständig ist. Bei ADHS ist die Verfügbarkeit der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin in diesem Bereich unzureichend, wodurch die natürliche, bewusst gesteuerte Handlungsbremse zu wenig kontrolliert werden kann: einmal zu schwach und einmal zu stark – aber nur selten optimal. Das heisst: einmal ist man blockiert und es geht gar nichts mehr – und einmal ist man viel zu schnell – statt ruhig und überlegt zu beginnen.

Um jemandem zu erklären, was Impulsivität ist, woher sie kommt, in welchen Situationen sie sich zeigt und wie sich lernen lässt, sie besser zu steuern, braucht ein Coach also fundiertes Wissen über diese neurologischen und biochemischen Prozesse. Ohne dieses Wissen bleibt der Coachingprozess irgendwann stecken. Erst mit dem Wissen werden wichtige Zusammenhänge verstanden. Aus diesem Verständnis wird der Coachingprozess wieder aktiviert.

Auch beim Autismus-Coaching zeigt sich, wie wichtig spezifisches Fachwissen ist.
Coaching, das neurodivergente Ansätze beinhaltet, braucht einen anderen Ausgangspunkt als Standard-Coaching, das strukturell auf neurotypische Menschen ausgerichtet ist. Es geht weniger darum, Kommunikationsweisen oder Verhaltensmuster als Defizit zu rahmen, sondern sie im jeweiligen neurologischen Kontext richtig zu deuten – und das gelingt nur mit entsprechem Fachwissen, wie zum Beispiel der prädikative Ansatz.

Wie sich die Rolle des Coachs weiterentwickelt

Aus meiner eigenen Erfahrung heraus lässt sich noch ein weiterer Punkt beobachten: Die Funktion des Coachs verändert sich. Klassischerweise bestand Coaching aus Sitzungen in regelmässigen Abständen – etwa alle eins bis zwei Wochen eine Stunde. Das bleibt wichtig, reicht heute aber oft nicht mehr aus.
Zunehmend braucht es zusätzlich punktuelle Kontakte zwischen den festen Terminen, um einen Veränderungsprozess wirklich eng begleiten zu können. Ein frühzeitiger, kurzer Austausch, wenn eine schwierige Situation auftritt, kann oft mehr bewirken als die Nachbesprechung zwei Wochen später. Die Welt und die Arbeitsfelder verändern sich zunehmend schneller. Von uns allen wird eine immer höhere Flexibilität verlangt. Auch das Coaching muss somit flexibler und alltagsnäher werden – um sich an den tatsächlichen Rhythmus des Veränderungsprozesses anzupassen.

Fazit

Gutes Coaching lässt sich nicht an einem einzigen Kriterium festmachen. Es braucht klare Ziele, eine solide und stetig aktualisierte Ausbildung, Transparenz – und vor allem ein Umfeld, in dem sich der Coachee wohl und sicher fühlt.

Starre Dogmen wie das angebliche Ratschlagsverbot helfen dabei wenig; entscheidend ist die Haltung, mit der ein Coach agiert. Wer Menschen mit ADHS, Autismus oder anderen gesundheitlichen Besonderheiten begleitet, braucht zusätzlich fundiertes Fachwissen – nicht, um alles selbst erlebt zu haben, sondern um die Zusammenhänge wirklich zu verstehen und richtig einzuordnen. Und schliesslich lohnt es sich, offen zu bleiben für die Art, wie sich Coaching selbst weiterentwickelt: weg vom starren Sitzungsrhythmus, hin zu einer Begleitung, die sich flexibel am echten Bedarf orientiert.

Am Ende bleibt eine einfache, aber wichtige Erkenntnis: Der beste Coach ist nicht zwingend der mit den meisten Zertifikaten an der Wand, sondern derjenige, der das nötige Wissen mitbringt, um dich wirklich weiterzubringen und bei dem du dich verstanden fühlst.

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