ADHS und provokativer Ansatz – Humor und liebevolle Herausforderung
ADHS wird oft mit innerer Unruhe, Impulsivität, Schwierigkeiten in der Konzentration und schneller Reizüberflutung beschrieben. Viele Betroffene kennen die Erfahrung, dass sie von aussen immer wieder auf ihre «Defizite» hingewiesen werden – sei es im Beruf oder im Alltag. Klassische Therapien setzen deshalb häufig auf Struktur, Klarheit und Verhaltensübungen. Doch es gibt eine Methode, die auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheint, aber erstaunlich wirksam ist: der provokative Ansatz.
Was ist so speziell am provokativen Ansatz?
Der provokative Ansatz wurde von Frank Farrelly entwickelt und basiert auf gutartigem Humor, liebevoller Übertreibung und gezielten Provokationen – in denen fixe Vorstellungen in Frage gestellt werden. Als Coach nehme ich dabei bewusst eine ungewöhnliche Rolle ein: Anstatt immer verständnisvoll zu reagieren, wird die betroffene Person spielerisch herausgefordert, ihr Selbstbild zu hinterfragen: «Bin ich wirklich dauernd unruhig, impulsiv, unkonzentriert oder durch Reize überfordert?»
Angenommen, du erwähnst im Coaching: «Ständig schiebe ich alles auf!» Was du erwartest, ist eine verständnisvolle Antwort auf dein Problem, wenn möglich noch eine erste Hilfestellung.
Was aber, wenn meine Antwort lautet: «Das finde ich super. Du bist 25. Du hast noch 40 Jahre, um einen Riesenberg anzusammeln, und wenn du pensioniert bist, wird dir bestimmt nie langweilig. Also ändere auf keinen Fall etwas daran, sonst wirst du wie die alten Omas, die hinter dem Vorhang ständig kontrollieren, wer vorbeigeht.»
Das geschieht nie respektlos, sondern mit einer wohlwollenden Grundhaltung und viel Empathie. Ziel ist es, die Person zu irritieren, zum Lachen und Reflektieren zu bringen und so eingefahrene Denkmuster aufzubrechen.
Vorteile für ADHS-Betroffene
1. Humor statt Scham
Menschen mit ADHS erleben oft Kritik, Ablehnung oder Schamgefühle, wenn sie als «zu laut», «zu chaotisch» oder «zu unkonzentriert» wahrgenommen werden. Im provokativen Coaching wird diese Ernsthaftigkeit auf den Kopf gestellt. Durch humorvolle Übertreibung können Betroffene über sich selbst lachen – ohne verletzt zu werden. Denn nicht nur die Betroffenen lachen über sich, sondern auch ich als Coach über meine eigenen Fettnäpfchen im Leben. Das nimmt Druck und öffnet Raum für mehr Selbstakzeptanz. Und wenn wir gemeinsam lachen, dann ist der Erfolg garantiert.
2. Aktivierung durch Irritation
ADHS-Betroffene reagieren oft stark auf Reize. Der provokative Ansatz nutzt dies gezielt: Liebevolle Provokationen wirken aktivierend – kleine Worte mit grosser Wirkung. Sie wecken Aufmerksamkeit und führen dazu, dass die Betroffenen klar Stellung beziehen können. Anstatt passiv Ratschläge zu empfangen, werden sie eingeladen, ihre eigene Sicht zu verteidigen – und genau darin liegt der therapeutische Effekt.
3. Stärkung der Selbstwirksamkeit
Wenn meine Kundinnen oder Kunden sagen: «Ich komme immer zu spät», dann sehe ich es als meine Aufgabe, sie darin zu unterstützen. Eine Antwort könnte sein: «Richtig, das passt auch gar nicht zu dir. Und das ist gut so. Stell dir vor, du würdest deinen Flug in die Karibik erwischen und müsstest eine ganze Woche lang jeden Tag an der Sonne liegen und Cocktails mit Schirmchen trinken. Sei dankbar, dass du noch nie pünktlich warst.»
Sehr wahrscheinlich löst das bei der gegenüberliegenden Person innere Bilder und eine Gegenreaktion aus: «Das stimmt doch gar nicht, ich bin schon mehrmals in die Ferien geflogen.» Plötzlich erinnert man sich daran, wie oft es geklappt hat, die Energie kommt zurück und das Selbstbewusstsein steigt.
4. Entlastung durch Perspektivwechsel
ADHS bringt viele Herausforderungen mit sich. Der provokative Ansatz zeigt, dass nicht alles immer schwer und ernst sein muss. Ein spielerischer Blick auf Probleme entlastet und kann verhindern, dass Betroffene sich in Selbstzweifeln verlieren. Humor öffnet Türen, wo rationale Argumente oft blockieren.
5. Beziehung auf Augenhöhe
Gerade für Menschen mit ADHS ist es wichtig, ernst genommen zu werden – nicht nur in ihren Schwierigkeiten, sondern auch in ihrer Kreativität, Spontanität und Lebendigkeit. Der provokative Ansatz begegnet Betroffenen auf Augenhöhe, indem er nicht belehrt, sondern liebevoll herausfordert. Das schafft Vertrauen und eine besondere Coaching-Beziehung.
Darum
Zu Beginn meiner Arbeit mit ADHS-Betroffenen – vor 12 Jahren – war ich der Überzeugung, dass das reine ADHS-Coaching die optimale nicht-medikamentöse Unterstützung ist. Durch die Vermischung beider Ansätze entstand eine äusserst wirkungsvolle Kombination: Ich erkläre dir, wie ADHS dein Leben beeinflusst, und gleichzeitig arbeiten wir auf eine liebevolle Art – mit Humor – an deinen persönlichen Schwierigkeiten.
Durch die gezielte Irritation helfe ich dir, dich aus eingefahrenen Mustern zu lösen und inaktive Ressourcen sichtbar zu machen. Besonders für Menschen mit ADHS kann dieser unkonventionelle Ansatz sehr befreiend wirken: weg vom ewigen Defizitblick, hin zu Selbstvertrauen, Lebendigkeit und einem liebevollen Akzeptieren der eigenen Eigenheiten.
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