ADHS im Beruf: ADHS ist oft ein Umsetzungsproblem
Viele Erwachsene mit ADHS kennen dieses Muster:
Ein Problem taucht auf, also wird eine Lösung recherchiert. Bücher, Podcasts, Artikel, Tools…. Meist suchen sie nach mehrere Lösungen.
Kurz entsteht Erleichterung: «Jetzt habe ich die Lösung!»
Dann kommt der Alltagsdruck, die Müdigkeit und die Lösung bleibt im Kopf, wird aber nicht umgesetzt. Das wiederholt sich wieder und wieder. «Wissensfriedhof» nenne ich das Phänomen.
Das Problem bei ADHS ist oft nicht das fehlendes Wissen. Das Problem ist der Schritt vom Wissen zum Handeln.
Im Berufsleben wird genau dieser Punkt oft unterschätzt. Denn nach aussen sieht es dann so aus, als fehle Motivation, Disziplin oder Verlässlichkeit. Tatsächlich kann etwas anderes dahinterstehen: Eine Person weiss, was zu tun wäre, kommt aber nicht rasch genug in die Umsetzung.
Das ist nicht nur für die betroffene Person belastend. Es ist auch im Team sichtbar: Aufgaben bleiben liegen, Rückfragen wiederholen sich, Fristen geraten unter Druck, Führungspersonen müssen häufig nachfassen – im schlimmsten Fall werden Prozesse blockiert.
ADHS ist auch ein Umsetzungsproblem
ADHS betrifft nicht nur die Aufmerksamkeit. In der Fachliteratur erwähnt man häufig die exekutive Funktionen wie: Aktivierung, Handlungssteuerung, Arbeitsgedächtnis und Selbstregulation. Diese Funktionen sind wichtig, um Aufgaben zu beginnen, dranzubleiben und abzuschliessen. Einschränkungen in exekutiven Funktionen wirken sich direkt auf Arbeitsorganisation und das Zeitmanagement aus.
Das erklärt ein typisches Paradox:
Menschen mit ADHS haben sehr gute Lösungen für andere. Sie sehen klar, was helfen würde. Sie können analysieren und beraten. Bei den eigenen Aufgaben funktioniert das aber oft nicht wirklich.
Darum hilft mehr Wissen nur begrenzt. Noch ein Modell, noch ein Buch, noch eine Methode kann sogar zur nächsten Blockaden-Schleife werden.
Die Wissensschleife bei ADHS
Im Berufsalltag sieht diese Schleife oft so aus:
Ein Projekt bleibt liegen. Eine E-Mail wird nicht beantwortet. Eine Rechnung wird vergessen. Eine Aufgabe wird immer wieder verschoben. Typische Aufgaben, die gerne aufgeschoben werden.
Dann beginnt die Suche nach Lösungen. Man findet eine Methode. Aber…vielleicht lässt sich noch eine bessere Methode finden…oder noch eine…oder erst mal Kaffeepause und überlegen, was es alles für Methoden geben könnte…?
Genug Lösungen fühlt sich nach mehr Sicherheit und Kontrolle an. Aber Recherchen sind zeitintensiv und ist geistig anstrengend – für die Umsetzung fehlt plötzlich die nötige Energie: «ich mach’s dann eben am nächsten Tag». Die Lösung bleibt im Kopf, sie wird aber nicht angewendet. So entsteht viel Wissen, aber wenig Veränderung.
Warum Druck allein selten reicht
Wenn Aufgaben wiederholt nicht umgesetzt werden, reagieren viele Betriebe mit mehr Kontrolle: mehr Erinnerungen, mehr Deadlines, mehr Gespräche, mehr Druck, viel Micromanagement.
Kurzfristig kann das funktionieren. Langfristig löst es das Kernproblem aber nicht. Die Person weiss danach noch immer, was sie tun sollte. Aber der Schritt in die Umsetzung wird dadurch nicht automatisch einfacher.
Für Führungspersonen wird das mit der Zeit ebenfalls belastend. Sie müssen wiederholt nachfragen, erklären, korrigieren und auffangen. Was als individuelles Problem beginnt, wird dadurch schnell zu einem Führungsthema, einem Teamthema und irgendwann zu einem HR-Thema.
Es ist deshalb sinnvoll, früh professionelle Hilfe beizuziehen und nicht erst, wenn Konflikte, Leistungseinbrüche oder Kündigungsgedanken entstanden sind.
Gutes ADHS-Coaching vermittelt nicht ständig Neues
Im ADHS-Coaching sollte es deshalb nicht in erster Linie darum gehen, immer mehr Wissen und Methoden zu vermitteln. Viele Betroffene haben schon Podcasts gehört oder Bücher gelesen. Sie brauchen nicht eine fünfte oder sechste Methode, sondern Unterstützung dabei, die passende Methode in den Alltag zu integrieren und nachhaltig anzuwenden.
Dabei empfiehlt sich, das ADHS möglichst gut zu verstehen (Psychoedukation) und den Veränderungsprozess über längere Zeit zu begleiten.
Zwei einfache Lösungen
1. Nur eine Aufgabe sichtbar ändern
Nicht fünf Aufgaben (oder alles auf einmal) ändern wollen.
Eine Aufgabe reicht – dafür dran bleiben und durchziehen. Für 90% der Arbeitenden mag das logisch klingen. Für Betroffene ist es die grosse Herausforderung.
2. Den Einstieg zeitlich begrenzen
Oft denkt man sich, «oh Gott, ich muss es jetzt fertig machen» – und schon wählt man eine andere Aufgabe als Ersatz. Es spricht aber nichts dagegen, sich nur 30 Minuten für diese Aufgabe vorzunehmen. Das vereinfacht oft den Einstieg.
Diese beiden Lösungen können kurzfristig helfen, lösen aber nur selten das zentrale Problem: Viele Menschen mit ADHS brauchen nicht nur Tipps, sondern jemanden, der mit ihnen überprüft, ob ein Vorgehen im echten Alltag funktioniert und es bei Bedarf anpasst. Nicht nur für die betroffene Person bedeutet das Entlastung. Auch für das berufliche Umfeld sowie die Führungspersonen entspannt sich die Situation.
Wer im Berufsleben mit ADHS immer wieder an der Umsetzung Schwierigkeiten zeigt, braucht eine Struktur, die verhindert, dass jedes Mal dieselbe Schleife entsteht: Lösung suchen, Energie verlieren, Umsetzung «auf später» verschieben, Lösung speichern, vergessen und wieder neue Lösung suchen.
Hilfe in dieser Phase anzunehmen ist kein Zeichen von Unfähigkeit. Es ist eine sachliche Antwort auf ein wiederkehrendes Umsetzungsproblem. Hilfe annehmen ist kein Zeichen der Schwäche – sondern der Stärke.
Und genau dort entscheidet sich, wer sein Potential ausschöpft oder es ungenutzt im Kopf herumträgt.
ADHS-Coaching ersetzt keine Diagnostik, keine medizinische Behandlung und keine Psychotherapie. Es kann aber dort ansetzen, wo Wissen allein nicht reicht: beim Transfer in konkrete Handlung, berufliche Struktur und spürbar entspannteres Klima am Arbeitsplatz.
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