ADHS bei Erwachsenen: Impulsivität und der Teufelskreis im Arbeitsalltag
Impulsivität und ADHS bei Erwachsenen: Eine sachliche Kritik – und die Stimmung kippt plötzlich
ADHS und impulsive Reaktionen sind häufig.
Laut Barkley stehen 30% der ADHS-Betroffenen in Situationen auf, in denen Sitzenbleiben erwartet wird. Es ist eine neuroentwicklungsbezogene Auffälligkeit, die mangelhaft bewusst kontrolliert werden kann.
Ein besonders belastender Bereich ist die rasche emotionale Impulsivität: Wut kann schnell entstehen, wird intensiv erlebt und wird manchmal sichtbar, bevor die Person ihre Reaktion innerlich sortieren und kontrollieren kann.
Danach folgt oft ein Teufelskreis, der viele Betroffene kennen.
Der sieht häufig so aus:
Auslöser → Steigende innere Anspannung → Wut → Wut wird herausgelassen → kurzfristige Entspannung → Nachdenken → Erkennen des Fehlverhaltens → Reue → Schuldgefühl oder Trauer → Entschuldigung → Vorsatz, es besser zu machen → vorübergehende Besserung → neuer Auslöser → erneute impulsive Reaktion (Wut).
Dieser Kreislauf ist nicht deshalb so hartnäckig, weil jemand „einfach nicht lernen will“. Er bleibt oft bestehen, weil das Herauslassen der Wut in dieser Situation für ihn/sie die einzige Lösung ist, um den inneren Druck zu senkt. Genau diese kurzfristige Erleichterung schädigt langfristig die Beziehungen und das Vertrauen.
Warum passiert das bei ADHS gehäuft?
Bei Erwachsenen mit ADHS ist emotionale Dysregulation wissenschaftlich gut belegt. Eine Meta-Analyse mit 13 Studien fand bei Erwachsenen mit ADHS deutlich höhere Werte emotionaler Dysregulation als bei Kontrollpersonen. Ausserdem korrelierte die Schwere der ADHS-Symptome mit der emotionalen Dysregulation.
Das bedeutet:
Zwischen Reiz und Reaktion liegt oft weniger „Puffer“. Wenn Kritik, Druck, Ungerechtigkeit oder Überforderung auftreten, kann das emotionale System schneller hochfahren. Dann wird eine E-Mail, ein Gesichtsausdruck oder ein Satz im Meeting rascher als akute Bedrohung, Abwertung, Ungerechtigkeit oder Angriff erlebt.
Beispiel 1:
Ein Mitarbeiter mit ADHS stellt ein Projekt vor. Die Vorgesetzte sagt:
„Du hast gute Arbeit geleistet, aber der Bericht ist noch nicht klar und nachvollziehbar strukturiert.“
Sachlich meinte der Vorgesetzte:
Der Bericht braucht Überarbeitung.
Mögliche ADHS-Interpretation:
„Wieder nicht richtig gemacht. Egal was ich mache, es ist nie gut genug. Nie!“
Die Wut steigt. Der Mitarbeiter antwortet scharf:
„Dann machen Sie es doch selbst, wenn ich sowieso alles falsch mache“ – schmeisst seine Mappe hin, steht auf und läuft davon.
Kurzfristig fühlt sich das wie Selbstschutz an. Der Druck sinkt. Nach dem Meeting beginnt die Reflexion: Die Kritik war nicht persönlich gemeint. Die Reaktion war unangemessen. Danach folgen Reue, Scham, Trauer und eine Entschuldigung. Beim nächsten Meeting reicht aber wieder ein ähnlicher Satz, und der Kreislauf startet erneut.
Beispiel 2:
Die Mitarbeiterin schreibt im Mail:
„Bitte sofort erledigen.“
Sachlich meinte sie:
Es ist dringend.
Mögliche ADHS-Interpretation:
„Wieder werde nur ich herumkommandiert. Niemand sieht, was ich sonst noch alles erledigen müsste. Dabei habe ich sonst schon mehr Überstunden als alle anderen.“
Bei ADHS können zunehmender Arbeitsdruck und häufige Unterbrechungen zur Überforderung führen. Die Antwort kommt impulsiv: „Mann, was soll das? Ich kann doch nicht alles gleichzeitig machen.“
Später erkennt sie: Der Ton war zu aggressiv. Die eigentliche Ursache war nicht die Nachricht, sondern zunehmende Überlastung, sich keine Pause gönnen und zunehmende innere Anspannung – oder wie wir es nennen: «s Tüpfli uf em i».
Was hilft?
- Nie die Konfrontation suchen.
Daraus entstehen ein endloses gegenseitiges Rechtfertigen und Schuldzuweisung. - Die Situation akzeptieren.
Ist jemand frustriert und/oder läuft davon hat es einen Grund. Oft verhindert man damit noch mehr Schaden. - Zeit lassen, Gedanken sortieren.
Viele ADHS-ler brauchen Zeit, um die Gedanken selbst zu sortieren. Gut zureden wird als störend empfunden. Man kann auch nachfragen. - Nachbesprechen.
Je nach dem erst am Folgetag, wenn die Wut verflogen ist. - Pausen zur Gefühlsregulierung nutzen.
Pausen entspannen. Wieso nicht in der Pause kurz spazieren gehen?
Wenn möglich auf Sanktionen verzichten.
Wer sanktioniert geht davon aus, dass der Betroffene bewusst und absichtlich so handelte – und es somit steuern kann. Das ist leider falsch.
- Es ist unmöglich, dass das «ab jetzt» nie mehr vorkommen wird.
- Ein hilfreicher Ansatz ist gezielt an der Impulsivität und an der Selbstwahrnehmung über längere Zeit zu arbeiten.
Bitte an Führungspersonen und HR:
Weder eine Führungskraft noch das HR muss ADHS differenziert verstehen. Sie sollen aber ein Klima schaffen, die Eskalationen mindern sowie Arbeitsbedingungen ermöglichen, damit Betroffene die gewünschten Leistungen erbringen können.
Als erste Instanz empfehle ich, die KI oder entsprechende Website zu besuchen. Werden dadurch keine Fortschritte erzielt, kann ein Therapeut oder entsprechend ausgebildeter Coach beigezogen werden.
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